Интервью для Bremen4U

ΈλεναPress

“Auf der Bühne kann ich mich austoben”

veröffentlicht eine Hommage an Chanson-Legende Edith Piaf

Patricia Kaas (45) und ihre treue Begleiterin, Malteserhündin Tequila, machen beim Interview im Foyer eines Kölner Hotels einen sehr entspannten Eindruck. Die Chansonnière, die bald auf eine große Welttournee mit ihrer Edith-Piaf-Hommage “Kaas Chante Piaf” gehen wird, gibt in aller Ruhe Antworten. Sie spricht über ihr Verhältnis zur großen französischen Chanson-Legende, die Definition einer Diva und ihre deutsch-französische Herkunft.

teleschau: Welchen Stellenwert nimmt die Person Edith Piaf in Ihrem Leben ein?

Patricia Kaas: Ich habe zum Anfang meiner Karriere nicht so viel Piaf gehört. Ich kannte die Klassiker, aber mehr nicht. Doch als ich immer wieder mit ihr verglichen wurde, wollte ich mehr darüber wissen. Es ist Musik, die man erst in einem gewissen Alter zu verstehen lernt. Ich glaube, die Traurigkeit ist eine unserer Gemeinsamkeiten, auch wenn mein Leben glücklicherweise nicht so dunkel ist wie ihres gewesen ist.

teleschau: Warum hat Edith Piaf in Frankreich einen anderen Stellenwert als etwa in Deutschland?

Kaas: Es hat viel mit der Zeit und dem Stil ihrer Musik zu tun. Französische Musik gilt immer als romantisch, aber es spielt auch viel Dramatik mit, bei dieser Art von Musik.

teleschau: War die anstehende Welttournee Auslöser für das Album, oder gab es einen anderen Beweggrund für die Aufnahmen?

Kaas: Für mich ist es auf jeden Fall ein Bühnenprojekt, das Album war gar nicht meine Idee. Aber als wir darüber redeten, war ich damit einverstanden, auch ein Album dazu zu machen. Es sollte nur keine Kopie werden, das hätte mir nicht gefallen. Piaf ist Piaf, dem kann man eigentlich nichts Neues hinzufügen. Aber bei den Liedern, die ich für “Chante Piaf” aussuchte, hatte ich immer die Bühne im Hinterkopf. Es ist ein großes Projekt, und das wollte ich ja auch, etwas Filmmäßiges. Deswegen wollte ich mit Abel Korzeniowski (Orchesterleiter, Anm. d. Red.) zusammenarbeiten, der normalerweise Filmmusik macht.

teleschau: Werden Sie das Album ohne große Änderungen so auf die Bühne bringen?

Kaas: Wenn man die Informationen zu Platte liest, denkt man vielleicht: Wow, 90 Musiker! Aber auf der Bühne wird es ganz anders sein, es wird in jedem Fall intimer werden.

teleschau: Gab es unerwartete Schwierigkeiten, die Sie während der Aufnahmen zu meistern hatten?

Kaas: Nein, aber ich hatte Ideen und Vorstellungen, die ich Abel mitteilte. Zum Beispiel das Eröffnungsstück “Mon Dieu” muss man vor dem Hintergrund sehen, dass Piaf gläubig war, was ich nicht bin. Beten war ihr sehr wichtig. Ich wollte bei der Hommage ja weitergehen, als bloß die Lieder zu interpretieren. Trotzdem wollte ich versuchen, die gleichen Emotionen zu erleben, die sie damals fühlen konnte. So haben wir die Arrangements aufgebaut, deswegen sind auch die instrumentalen Parts geblieben, weil ich sie toll finde und ich nichts wegnehmen wollte. Auch wenn vielleicht nicht jeder Zuhörer verstehen kann, warum er zwei Minuten warten muss, bis meine Stimme einsetzt. (lacht)

teleschau: War Frau Piaf diejenige, die die Traurigkeit im Genre Chanson für eine breite Öffentlichkeit fühlbar gemacht hat?

Kaas: Ich weiß nicht, ob irgendjemand ein fröhliches und glückliches Lied von ihr erwartete, diese Traurigkeit wollte man von ihr haben. Dazu kommt, dass die französische Sprache sich verändert hat. Piaf sang, wie sie sprach. Es war diese Sprache von der Straße, die auch immer ein wenig traurig ist.

teleschau: Edith Piaf hat über 430 Lieder gesungen. Und dennoch wird sie oft auf Ihren größten Hit “Non, Je Ne Regrette Rien” reduziert …

Kaas: Naja, es war ja schon ein bisschen mehr, “La Vie En Rose” oder “Hymne À L’amour” gehören auch dazu …

teleschau: Wahrscheinlich gibt es da aber auch einen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland, oder?

Kaas: Überall auf der Welt, selbst in dem kleinsten Dorf, wo ich war, wusste man immer, wer Edith Piaf ist. Es gibt ja auch einige Lieder, die bekannt sind und die ich nicht auf der Platte haben wollte. Umgekehrt entdeckte ich einige Lieder, die ich aufgrund ihrer Kraft oder des Textes toll fand, wie “Avec Le Soleil” oder “La Belle Histoire D’Amour”, die ich dann auch aufnahm. Es gehört für mich auch zu dieser Hommage, dass ich diese Entdeckungen teile.

teleschau: Was unterscheidet eine starke Frau von einer Diva?

Kaas: Oh! (überlegt lange) Jeder hat so eine eigene Definition vom Begriff “Diva”, er kann negativ wie positiv besetzt sein und beinhaltet für mich eine gewisse Distanziertheit und Arroganz. Eine Diva ist bedeutend. (überlegt wieder) Aber ist es nicht auch ein Wort, das man gar nicht mehr so häufig benutzt? Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich das Wort eher positiv werten.

teleschau: Ist es denn ein Begriff, der eher auf Edith Piaf, als auf sie zutrifft?

Kaas: Eine Diva ist eine Person, die sich rar macht. Man versucht ihr zu gleichen, aber das ist schwierig. In Travestieclubs spricht man häufig von “La Diva Piaf”, oder “La Diva Dietrich”, beides Frauen, die eine gewisse Stärke haben. Aber für mich ist es einfach ein altes Wort. (lächelt)

teleschau: 2002 spielten Sie eine der Hauptrollen in dem Film “And Now … Ladies & Gentlemen” gespielt. Wie beurteilen Sie diese Erfahrung heute?

Kaas: Die erste Filmrolle war eine gute Erfahrung, auch weil ich die richtigen Leute um mich herum hatte. Aber ich habe voriges Jahr noch einen Film gedreht, er heißt “Assassinée”, ein Portrait von einer Mutter, deren Tochter ermordet wird.

teleschau: Würden Sie weiterhin Filmrollen annehmen, wenn man Ihnen das richtige Angebot macht?

Kaas: Meine Leidenschaft ist weiterhin das Singen. Und Filme zu drehen, nur um damit zu prahlen und zu zeigen, dass man eine parallele Karriere verfolgt, das ist nicht so mein Ding. Bei “Assassinée” überlegte ich auch lange, weil es sehr viel Text gab. Ich bin sehr oft im Bild und muss viel schreien und weinen, was überhaupt nicht meinem Naturell entspricht. Wenn ich auf der Bühne bin, kann ich mich austoben, aber immer hinter einer Melodie versteckt.

teleschau: Sie haben eine Autobiografie geschrieben, die im April 2012 auch in Deutschland erschienen ist. Was war der Beweggrund dafür?

Kaas: Sie ist vor zwei Jahren in Frankreich erschienen, nachdem man mich jahrelang darum bat, eine zu schreiben. Aber man muss dazu bereit sein, persönliche Sachen preiszugeben. Denn wo du in welcher Stadt, in welchem Land aufgetreten bist, das interessiert niemanden, glaube ich. Ich war lange nicht bereit, weil ich sehr zurückhaltend bin.

teleschau: Was hat Ihre Meinung geändert?

Kaas: Nun, ich dachte mir irgendwann, dass ich es einfach versuche, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Für das Buch hatte ich dann lange Interviews mit einer Journalistin, Gespräche zwischen zwei Frauen, in denen ich Dinge sagte, die ich eigentlich nicht im Buch haben wollte. Aber schlussendlich gehören sie ja zu meinem Leben. Und der Erfolg der Biografie war letztlich eine Art Therapie für mich, der negative Blick auf mich selbst hat sich dadurch deutlich gebessert.

teleschau: Beim Eurovision Song Contest 2009 sind Sie für Frankreich angetreten. Glauben Sie, dass sich die Veranstaltung mittlerweile erfolgreich modernisiert hat?

Kaas: In Frankreich gilt der Wettbewerb als ein bisschen altmodisch. Das hat sich geringfügig verbessert. Bei meiner Teilnahme waren es einfach zehn verrückte Tage, ich hatte sogar etwas Angst vor dem Auftritt. Und natürlich war ich am Ende traurig, denn ich hätte die Trophäe gerne mit nach Hause genommen. (lacht)

teleschau: Sie treten mit “Kaas Chante Piaf” bald in den eindrucksvollsten Konzertsälen der Welt auf: Royal Albert Hall in London, Carnegie Hall in New York. Waren sie zuvor schon an all diesen Spielstädten?

Kaas: Es sind einige Orte dabei, wo auch Piaf aufgetreten ist, das war mir wichtig. Die Royal Albert Hall wie auch die Carnegie Hall kenne ich persönlich nicht, aber es gibt auch keinen Auftrittsort, auf den ich mich jetzt speziell freue. Ich mag es einfach, bei diesem besonderen Projekt in vielen schönen Hallen singen zu dürfen.

teleschau: Bis zum Alter von 16 Jahren haben Sie ausschließlich Saarländisch gesprochen. Ist dieser Dialekt noch präsent und wie oft sprechen Sie im privaten Bereich Deutsch?

Kaas: So haben wir damals zu Hause eben gesprochen, weil das Hochdeutsch angeblich immer ein wenig snobistisch klang. (lacht) Es ist wie die deutsche Sprache für mich: Am Anfang muss ich immer ein wenig nach den richtigen Worten suchen, da ich als Französin, die in Frankreich lebt, fast ausschließlich Französisch spreche.

teleschau: Wie würden Sie die viel beschworene deutsch-französische Freundschaft für Ihr eigenes Leben definieren?

Kaas: Für mich waren Saarland und Lothringen als Kind ein Land, ohne die Grenze dazwischen. Es war sozusagen das Europa vor Europa! In meinem Charakter steckt wahrscheinlich sehr viel von beiden Ländern, weil man mich so erzogen hat. Die deutsche Disziplin kommt von meiner Mutter, die Sensibilität dann vielleicht ein bisschen von meinem französischen Vater. Die Franzosen finden ja, dass ich sehr deutsch aussehe, während die Deutschen finden, dass ich etwas Französisches an mir habe! (lacht)

Patricia Kaas auf Deutschland-Tournee:

13.11.2012, Berlin, Admiralspalast
08.03.2013, Frankfurt, Alte Oper
15.03.2013, Mannheim, Rosengarten Mozartsaal
08.04.2013, Hamburg, Laeiszhalle
09.04.2013, Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
11.04.2013, München, Philharmonie im Gasteig
13.04.2013, Stuttgart, Liederhalle Beethovensaal
14.04.2013, Nürnberg, Meistersingerhalle
16.04.2013, Baden-Baden, Festspielhaus

Источник:
Bremen4U.Weser-Kurier.DE