Hamburger Abendblatt | Германия | 22 февраля 2017

ElenaPress

Patricia Kaas – die Stimme Europas in der Laeiszhalle

Die französische Sängerin gastiert mit neuem Album im April in Hamburg. Im Abendblatt spricht sie über schwierige Zeiten ihres Lebens.

Hamburg. Patricia Kaas ist gut gelaunt an diesem eher grauen Hamburger Wintertag in einem Bahrenfelder Hotel. Die Haare akkurat blond und kurz wie immer, die weite Männerhose und die hohen Stiefel künden von Lässigkeit. Sie hat ihr neues Album draußen, die anstehende lange Tournee wird sie am 3. April auch nach Hamburg führen.

Kaas, gerade 50 Jahre alt geworden, wirkt zufrieden. “Patricia Kaas” heißt das Album schlicht und fängt – ungewohnt – mit ein paar scharfen Gitarrenakkorden an. Dann erhebt die Sängerin ihre nachtblaue Stimme und singt von ernsten Dingen. “Adèle” handelt vom Missbrauch, davon, dass es Mädchen schwer haben in dieser Welt. Ungewohnte Inhalte. Nicht die übliche Herzschmerz-Pop-Prosa. Aber Kaas hatte Lust auf etwas anderes, einen Neustart nach einer nicht ganz freiwilligen Pause.

Tourneen waren kräftezehrend

Die Tourneen zu ihren letzten Alben “Kabaret” und “Kaas chante Piaf” waren kräftezehrend. Sie wirkte in einem emotional aufreibenden Film mit, in dem die von ihr gespielte Figur ihre Tochter verlor. Zuletzt starb ihr geliebter Hund Tequila. Es folgte ein Burn-out-Zusammenbruch nach unverarbeiteter Trauer. “Ich musste mir Zeit nehmen. Ich stellte mir viele Fragen über das, was bleibt.” Sie holte sich Hilfe, absolvierte eine Therapie, in der man ihr die richtigen Fragen stellte, einen anderen Blick auf sich selbst ermöglichte. Den Rest hat die Zeit besorgt. “Es ging mir sehr schnell besser”, sagt Kaas mit ihrem charmanten Französinnenlächeln. Sie scheint keinerlei Probleme zu haben, über diese schwierige Phase in ihrem Leben zu sprechen.

Sie ist eben eine Kämpferin. Schon immer. Als jüngstes von sieben Kindern eines französischen Bergmannes und einer Deutschen geboren, kämpfte sie sich mit Talent und Hartnäckigkeit nach oben. Ausgerechnet der französische Schauspieler Gérard Depardieu entdeckte sie 1985 und stellte ihr die richtigen Leute vor. Seitdem hat sie sich natürlich längst weiterentwickelt, und so kommt es, dass der Song, der an ihre frühen Hit-Zeiten anschließt, “Madame Tout Le Monde”, eigentlich der schwächste des Albums ist. Er klingt ein wenig wie “Mademoiselle chante le Blues”, ihrem mehr als 15 Millionen Mal verkauften Erstling von 1988. Der war der Start zu einer Weltkarriere, vor allem in Europa wurde Patricia Kaas, die auch auf Englisch und Deutsch singt, ein Star.

Neues Umfeld geschaffen

Doch auf den seit vielen Jahren bewährten Wegen bewegt sie sich jetzt nicht mehr: Obwohl als Perfektionistin furchtbar schlecht im Delegieren, hat sie sich Produzenten gesucht, Verantwortlichkeiten neu verteilt, sich ein neues Umfeld geschaffen. “Ich habe nun andere Gesichter um mich herum”, sagt sie.

Kaas schreibt ihre Songs nicht selbst, sieht sich immer als Interpretin. Ihr Part ist, die richtigen Komponisten und Songschreiber zu finden und sie zu fragen, ob sie mit ihr arbeiten wollen. Meistens wollen sie. “Die Musik und die Texte sind zu mir gekommen”, sagt sie. Ihr neues Produzentenduo Jonathan Quarmby und Fin Greenall hat die Songs in der britischen Pop- und Jazz-Tradition verortet. “N’oublie jamais” und “Le Jour et l’heure” sind wundervolle Balladen von verzaubernder Melancholie und einem Pathos, das man auch bei Chansonniers der jüngeren Generation wie Benjamin Biolay findet. “Marre de mon Amant” ist eine kraftvolle Abrechnung mit einem lügnerischen Liebhaber.

Songs lassen aufhorchen

Und “Adèle”, ihr Lieblingssong, ist nicht der einzige, der aufhorchen lässt. In “La Maison en Bord de Mer” geht es um Inzest. “Eigentlich wollte ich ein elegantes Chansonalbum aufnehmen. Da ist so ein Lied für mich neu, aber nach vielen Gesprächen wollte ich es auf meiner CD haben. Der Text hat mich berührt, und darauf kommt es an.”

Diese Selbstverständlichkeit und Coolness im Umgang mit schwierigen Themen hatte sie nicht immer. “Vor einigen Jahren hätte man mir vielleicht zu viele Fragen gestellt. Heute fühle ich mich besser damit”, sagt sie. “Warum sollte man nicht darüber singen? Warum redet man so zurückhaltend über diese Dinge, wenn man heute angeblich über alles reden kann?” Patricia Kaas will nicht mehr um jeden Preis gefallen.

“Ich wäre gerne selbst eine Adèle gewesen”

“Ich bin heute zufrieden mit mir, nehme es mehr, wie es kommt, genieße das Schöne”, sagt Kaas. Auf der Tour, wenn die Songs endlich leben, fühlt sie sich am wohlsten: Keine große Show, keine Choreografie, keine Videoprojektion, schlicht und, ja, doch auch ein bisschen elegant soll es schon werden.

Sie weiß natürlich, was ihre Anhänger erwarten. “Adèle”, dieser leicht feministische Opener, aber bleibt ihr Lieblingssong. “Ich wäre gerne selbst eine Adèle gewesen, die man an die Hand nimmt und ihr sagt, welche Schwierigkeiten sie im Leben als Mädchen haben wird”, sagt Patricia Kaas. Sie, die Kämpferin, hat es auch ohne diese Unterstützung geschafft.

Patricia Kaas 3.4., 20.00, Laeiszhalle,
Johannes-Brahms-Platz, Karten ab 69,90 im Vorverkauf; www.patriciakaas.net

Von Annette Stiekele

Источник:
Hamburger Abendblatt